The Piano Guys in Hamburg (Laeiszhalle) von Gastautorin Uta

Freitag, 6. Dezember 2013 - BiBi

Nachdem uns die Piano Guys zu ihrem Deutschlandpremierenkonzert im März diesen Jahres in Berlin eine Tour versprochen hatten, machten sie auch schnell Ernst und bereits im April standen die Termine und die Orte fest. Wir entschieden uns für das Konzert am Nikolaustag in Hamburg und kaufen sofort 4 Karten, für meinen Sohn und mich und zwei seiner Studienfreunde. Wir waren uns auch schnell einig, dass wir in Hamburg übernachten wollen, um uns die Stadt noch etwas ansehen zu können.

Nun war erst einmal für lange Zeit Vorfreude angesagt, aber irgendwann war der tolle Sommer vorbei, der Herbst ging auch vorüber und Nikolaus stand vor der Tür. Und auf einmal schien das böse Wetter-Omen, das uns bereits im März nach dem Berlin-Konzert einen Wintereinbruch auf der Heimfahrt beschert hatte, wieder zuzuschlagen. Mit Beginn der Nikolauswoche wurde Xaver angekündigt, ein gewaltiger Orkan, der dem Norden und speziell Hamburg die größte Sturmflut nach der verheerenden Flut von 1962 bringen würde. Und zwar genau zu Nikolaus. Vielleicht irren sich die Wetterfrösche ja…

Nein, sie irrten sich leider nicht und die Wetterprognosen wurden von Tag zu Tag bedrohlicher. In meinem Kopf begann ein Kampf zwischen dem Engel und dem Teufel. Das Engelchen, das im Übrigen der gleichen Meinung war wie mein gesamtes Umfeld, riet mir: „Bleib daheim, das ist es nicht wert sein Leben für ein blödes Konzert aufs Spiel zu setzen!“ Das Teufelchen dagegen meinte: „Du wirst dich doch nicht vorm Wetter fürchten! Das ist nicht nur ein blödes Konzert, das ist ein Konzert der Piano Guys, auf das du dich seit Monaten freust und wer weiß, wann sie das nächste in Deutschland spielen werden!“ Tja Engelchen, tut mir leid, aber das Teufelchen hat die besseren Argumente, auch wenn‘s mit Sicherheit leichtsinnig ist. Aber die Konzertsucht war stärker.

So setzte ich mich am Nikolaustag mittags in mein Auto, bepackt wie zu einer Nordpolexpedition mit warmen Decken und Proviant im Kofferraum, weil zum Orkan und der Sturmflut auch noch Schnee und Eisregen vorher gesagt waren und machte mich auf den Weg nach Hamburg. War ich vielleicht doch verrückt? Xaver wütete mittlerweile seit knapp 24 Stunden und hatte in Hamburg bereits den Hafen und den Fischmarkt unter Wasser gesetzt.

In Braunschweig am Bahnhof sammelte ich meinen Sohn und einen seiner Studienfreunde ein, den zweiten wollten wir direkt in Hamburg treffen. Noch während wir uns durch den freitäglichen Braunschweiger Stadtverkehr quälten, wurde im Radio auf der A2 ein 10 Kilometer langer Stau vor Hannover angekündigt. Verdammt, da müssen wir lang und ich hatte so gehofft, dass die Anderen vernünftiger wären als ich und bei dem Wetter daheim blieben.

Nach vielen Baustellen, vielen Staus, vielen Schneeschauern und gefühlt einer endlos langen Fahrt kamen wir doch nur mit einer Stunde Verspätung in Hamburg an. Dabei hielt sich zum Glück der Wind in Grenzen und vom Hochwasser haben wir in Hamburg zu dem Zeitpunkt auch nichts gesehen. Es blieb trotzdem noch genügend Zeit, das Gepäck bei den jeweiligen Übernachtungsstellen abzustellen und dann trafen wir uns alle gemeinsam vor der Laeiszhalle.
Das Publikum war wie in Berlin wieder bunt gemischt, Männer und Frauen, Kinder und Senioren und nachdem alle im wunderschönen großen Saal Platz genommen hatten, vermutete ich, dass das Konzert wohl ausverkauft sein müsse.

Auf der Bühne standen wieder das Klavier und die drei Cellos, auch die Videoleinwand war wieder da. Und auch diesmal erlosch fast pünktlich kurz nach 20 Uhr das Licht und das Video mit englischsprachigen Zitaten mehr oder weniger berühmter Persönlichkeiten wurde gezeigt, während Jon und Steven ihre Plätze an den Instrumenten einnahmen. Dann folgte das wohl emotionalste Konzert, das ich je live erlebt habe.

Gespielt wurden wieder Songs aus ihrer ersten in Deutschland veröffentlichten CD, die teilweise von den grandiosen Videos begleitet wurden. Aber wir erwarteten natürlich auch Songs von der neu erschienenen Weihnachts-CD und wurden nicht enttäuscht. Selbstverständlich unterhielten uns Jon und Steven ebenfalls mit lustigem deutsch-englischem Wortgeplänkel und netten Anekdoten, improvisiert wirkenden Musikeinlagen und viel gefühlvoller Musik.
Jon begrüßte das Publikum mit einem „Hallo Hamburg“, um ihm gleich auf Deutsch zu erklären, dass seine Eltern ja ursprünglich aus Hamburg waren. Sein mittlerweile 87jähriger Vater hätte ihm vor seinem Hamburgbesuch erzählt, dass er früher oft in der Laeiszhalle gewesen wäre und… Jon suchte nach den passenden deutschen Worten… „thinks gewatcht“ hätte. Wie sympathisch, man merkte auch, dass dieser Auftrittsort Jon emotional berührte.

Nach einigen mir bereits bekannten Songs erklärte uns Jon, dass in seiner Familie viele deutsche Weihnachtslieder gesungen worden waren und eines seiner persönlichen Lieblingslieder würden sie nun spielen. Nach den ersten Tönen erkannten wir „Süßer die Glocken nie klingen“ und plötzlich begann das Publikum mit zu summen. Es klang wie ein zarter Bienenschwarm und je länger Jon und Steven das Lied spielten, umso mehr Leute im Publikum besannen sich auf den Text und sangen das Lied mit. Am Ende sang die ganze Laeiszhalle wie ein zarter Engelschor ganz sanft das bekannte deutsche Weihnachtslied und mir lief eine Gänsehaut den Rücken runter. Wahnsinn!

Es gab natürlich auch schnelle Töne und das Publikum widerlegte die Vorurteile der „kühlen Norddeutschen“ und klatschte, schnippte und sang euphorisch mit. Steven führte uns sein Zaubercello vor, das er liebevoll Bruce Lee getauft hatte und das allein ein ganzes Orchester ersetzen konnte. Jon spielte rückwärts mit dem Kopf unter dem Klavier und bei Rockelbel’s Canon schlief Steven beim Cellospielen ein, während Jon später völlig ausgelassen über die Bühne tanzte. Er wäre eine Mischung aus Michael Jackson und Florian Silbereisen, kommentierte er seine Tanzeinlage.

Sehr unterhaltsam war auch der Teil, als Jon und Steven uns vorführten, dass man eine Melodie allein durch die unterschiedliche Spielweise in landestypische Musik verwandeln könne. So hörten wir das gleiche Stück auf afrikanisch, indisch, chinesisch und jamaikanisch. Faszinierend!
Im Verlauf des Konzertes erzählte Jon, dass sie ja an allen möglichen und auch eigentlich unmöglichen Orten der Erde Videos drehen würden und nun auch auf der Chinesischen Mauer gedreht hatten. Man hatte überlegte, welcher Song sich denn für einen solchen Dreh am besten eignen würde und entschied sich für die Melodie von Kung Fu Panda. Dieses Video war komplett neu für mich und sehr imposant, wie Jon und Steven auf dieser riesigen Mauer diesen Song präsentierten. Hoffentlich hat Paul noch mehr solch toller Ideen.

Irgendwann begann Steven ganz spontan zu erzählen, dass Jon ja ein phantastischer Pianist wäre, aber er nur ein durchschnittlicher Cellist war und als er Jon dann kennenlernte, veränderte sich sein Leben. Er verdanke Jon sehr viel und ob wir das nicht auch kennen würden, dass urplötzlich jemand in unser Leben tritt und sich unser Leben auf einmal total verändere. Ich verstand, was er meinte, denn auch ich hatte solche eine Begegnung in meinem Leben, die mich genau dazu brachte, dass ich heute solche Berichte über Livekonzerterlebnisse schreiben kann, denn ohne diese Begegnung würde ich heute immer noch Musik nur im Radio oder auf CD genießen. Steven verneigte und bedankte sich bei Jon dafür und mit einmal war so eine knisternde emotionale Stimmung im Saal, dass das Publikum ergriffen aufstand und applaudierte. Jon war zutiefst gerührt und während Steven sich ein paar Tränen aus den Augen wischte, glaubte ich auch um mich herum einige kullernde Tränen zu erkennen. Das war so mit Sicherheit nicht geplant und entstand bestimmt ganz spontan aus der einzigartigen Stimmung während des Konzertes heraus. Danke, dass ich dabei sein durfte. Ich denke, sowohl für das Publikum als auch Jon und Steven war dieses Hamburger Konzert etwas ganz Besonderes.

Viel zu schnell wurde dann auch irgendwann der letzte Song angekündigt und die beiden anderen Guys Paul und Al kamen auf die Bühne um gemeinsam das phantastische What Makes You Beautiful zu spielen, das in mir die Liebe zu den Guys entfacht hat.
Mit Standing Ovations wurde alle vier verabschiedet und dann gab das Publikum sein Bestes. Tosender, immer schneller werdender Applaus und ein Stampfen, das die Dielen erzittern ließ, holte Jon und Steven nochmals für zwei Zugaben auf die Bühne bevor das Konzert endgültig mit einem absoluten Gänsehautsong zu Ende ging. Bring Him Home aus dem Musical Les Miserables war der perfekte Song für ein wirklich außergewöhnliches und emotionales Konzert und ich denke, Jon kann seinen Eltern stolz berichten, dass begeistert ihre ehemalige Heimatstadt ihn empfangen hat.

Erfüllt mit diesen Eindrücken ließen wir vier den Abend in einer gemütlichen Hamburger Kneipe ausklingen, wobei meine drei Studenten gleichzeitig ihr Wiedersehen genossen, da sie sich wegen eines Praktikumssemesters ein viertel Jahr nicht mehr gesehen hatten und viele neue Erlebnisse auszutauschen hatten.

Am nächsten Morgen führte uns ein kleiner Hamburg-Rundgang am Hafen vorbei zum Fischmarkt und nach einem sehr leckeren Mittagessen, natürlich ein Fischgericht, über die Reeperbahn zurück zum Auto. In der Tiefgarage verabschiedeten wir uns schweren Herzens von einem Studienfreund, der per Bahn zurück zu seinem Praktikumsort fuhr. Ich fuhr mit meinen zwei Begleitern nach Magdeburg, wo ich meinen Sohn an seiner Wohnung und seinen zweiten Studienfreund am Bahnhof absetzte, von wo aus er weiter zu seinem Praktikumsort fuhr. Zum Glück blieben wir bei der Heimfahrt von Staus und Wetterkapriolen verschont.
Abschließend gesehen bin ich froh auf das Teufelchen in meinem Kopf gehört und trotz katastrophaler Wettervorhersagen die Fahrt riskiert zu haben. Es war ein absolutes Hightlight, das ich nicht missen möchte.

Weiterhin ist es mir ein wichtiges Anliegen hier einmal die hervorragende Arbeit der Hochwasserschützer in Hamburg hervor zu heben, denn obwohl die Stadt von der zweithöchsten Sturmflut in ihrer Geschichte heimgesucht wurde, war davon am Samstagmorgen kaum noch etwas zu spüren. An den Landungsbrücken pulsierte das Touristenleben, eventuell angespülter Schlamm und Geröll waren beseitigt und die Stadt war vor einer großen Katastrohe bewahrt worden. Mein Mitgefühl gilt aber auch den Menschen, die gerade am Fischmarkt von der Flut überrollt worden sind.

- Uta -